Für Pina am 4.9.09

  
Wir alle kannten Pina,
jeder von uns auf eine andere Weise.
Wir kannten sie als Mutter,
als Frau und Lebensgefährtin,
als Freundin, als Vertraute,
als Tänzerin, als Choreographin, als Theaterleiterin,
als ewige Zweiflerin, als unermüdliche, harte Arbeiterin,
als fürsorgliche Vorgesetzte,
als Wuppertaler Bürgerin und als bescheidener Weltstar...
Wir alle kannten Pina,
und sie fehlt jedem (und jeder) von uns
auf seine (oder ihre) eigene Weise,
ganz eigen-tümlich, ganz persönlich, ganz schmerzhaft.
Nur etwas von Pina haben wir alle auf dieselbe Weise geteilt,
- auch wenn wir das (noch) nicht wußten -
ihren Blick.
Wenn Ihnen Pina jemals gegenübersaß oder -stand,
und in die Augen geschaut hat,
oder wenn Sie Pina je bei der Arbeit beobachtet haben,
wie sie z.B. auf einer Probe ihren Tänzern zugeschaut hat,
dann wissen Sie, was ich meine mit diesem „Blick“,
und wenn Sie ihn sich jetzt gegenwärtig machen,
dann sehen Sie Pina auch gleich wieder vor sich:
wie sie oft erst mal müde und erschöpft wirken mochte
und dann doch von schier endloser Energie beseelt war,
den Kopf leicht schräg gehalten,
die Haare straff nach hinten gekämmt und im Zopf gebunden...
diese fragile Gestalt,
dieses blasse Gesicht mit den großen neugierigen Augen,
die leicht verträumt in die Welt schauten,
so daß man oft denken mochte, sie sei mit den Gedanken woanders.
Aber das war sie nie, sie war doch immer ganz da,
- wie man dann im nächsten Moment erstaunt merkte -
sah wie durch einen hindurch und auch tief in einen hinein...
mit diesem Blick eben,
der von einer großen Traurigkeit zeugte,
und doch jederzeit zu einem Lächeln bereit war.
Ich habe in den letzten Wochen
viele Filme über Pina gesehen und Interviews nachgelesen,
und dabei war einfach nicht zu übersehen,
wie wenig Pina der Sprache vertraut hat,
und wie sie sich manchmal gewunden und gequält hat,
um etwas zu sagen,
was eigentlich einfach war,
aber eben doch nicht,
in einer Welt,
in der das Einfache längst das Schwerste geworden ist.
Dann schaute sie oft hilflos um sich herum,
wenn ihr die Worte fehlten,
ob sie denn die Antwort nicht mit den Augen finden könnte.
Da ging einem dann auf,
wie sehr Pina statt den Worten ihrem BLICK vertraut hat,
jedenfalls viel mehr dem, was man sehen konnte
als dem, was es darüber zu sagen gab.
Man sagt ja von Blinden,
daß sie ihr Gehör als Ausgleich um so mehr schärfen.
Mit Pina war es sozusagen umgekehrt:
aus Mißtrauen gegen die Worte
hat sie dafür um so mehr auf ihre Augen gesetzt.
Aber auf eine ganz besondere, eigene, ja, einzigartige Weise.
Sie hat ihren Blick ungeheuer geschärft für all das,
was wir mit unseren Bewegungen und Gesten sagen,
was wir damit über uns selbst verraten,
unwillkürlich, unbewußt,
und eben auch den meisten Zuschauern unsichtbar.
Nicht für Pina.
Pina hat gesehen, wo wir anderen im Dunkeln tappen.
So hat sie eine einzigartige Phänomenologie der Gesten geschaffen,
eine Weltsicht, oder besser:
eine Erklärung oder Deutung unseres Menschseins,
wie es sie vorher nie gegeben hat...
Ich hatte einmal eine Zeit in meinem Leben,
in der ich sehr schüchtern war
und mich zum Beispiel überhaupt nicht getraut hätte,
zu tanzen.
Aber ich habe ganze Nächte in Discos zugebracht,
an irgendeine Säule oder Wand gelehnt
und endlos nur den Tanzenden zugeschaut.
(Wo auch immer Sie hingehen,
in welches Land oder in welche Kultur auch immer,
Sie finden überall solche, wie ich damals einer war:
die Eckensteher, die nie selber tanzen, aber gucken,
und sich manchmal in den Schultern ein bißchen mitbewegen,
oder mit den Fingern schnipsen,
oder mit den Schuhen „schuffeln“.
Jedenfalls, in dieser Schüchterzeit meines Lebens,
habe ich einmal, aus dem Blauen heraus,
wie als Erklärung zu einem Freund gesagt:
„Man kann die Menschen voll durchschauen,
wenn man ihnen beim Tanzen zuschaut.
Da braucht man gar keine Analyse.
Man braucht nur zu schauen, wie sie sich bewegen...“
Ich hab das so dahingesagt,
um was Interessantes von mir zu geben,
dachte wohl auch, daß da irgendwas dran wäre,
nur, ernst genommen habe ich das nicht.
Ich habe diesen Sinn nicht weiter geschärft,
nur geahnt vielleicht, daß man ihn schärfen könnte.
So wie ein Graphologe aus dem Schriftbild
etwas über den Charakter einer Person sagen kann,
wenn er das denn studiert und besessen betreibt.
Der einzige Mensch, den ich je kennengelernt habe,
der eben diese Fähigkeit,
diesen Sinn für das, was Menschen mit ihren Bewegungen sagen
tatsächlich bis auf die Spitze getrieben
und bis zur äußersten Empfindlichkeit entwickelt hat,
das ist Pina.

Der etwas abwesende Blick, das war,
um sich von anderen Sachen nicht ablenken zu lassen,
nicht von der Sprache und den Worten, oder dem Akzent,
nicht von der Kleidung oder dem Haarschnitt,
nicht von den Gesichtszügen, nicht von all dem,
worin wir gemeinhin Menschen zu verstehen suchen.
Niemand mußte sich bei Pina auf die Couch legen.
Sie wollte nur „gucken“, nur sehen, wie man sich bewegt.
Vielleicht auch daher ihre Aversion für Perfektion, gewissermaßen.
In Perfektion zeigt sich nichts anderes
als eben die Vollkommenheit.
Pina hat an den Bewegungen und Gesten
das Eigene, das Verräterische, das Spielerische,
das Unbewußte, das Kind interessiert,
das in jedem Menschen schlummert
und das sich immer noch beredt und genau ausdrücken kann.
Wenn man seine Sprache versteht.
Dafür hatte Pina einen Blick wie kein anderer, wie keine andere.
Was Siegmund Freud über einen Menschen
in dessen Träumen entdeckt hat,
hat Pina auch an einer Gangart sehen können,
in einer Körperhaltung,
wie er oder sie die Haare zurück wirft
oder die Arme bewegt.
Wir SIND in der Tat alle offene Bücher, nur:
die Wissenschaften für die einfachsten Dinge der Welt gibt es nicht.
Pina aber war eine Wissenschaftlerin,
eine Forscherin, eine Pionierin der weißen Felder
auf den Landkarten der menschlichen Seele.
Weil sie so ein Interesse an den Menschen hatte,
war ihre große Kunst als Tänzerin und Choreographin
eben nie nur auf Ästhetik aus, auf Effekte,
auf „Schönheit“ oder Gefälligkeit,
l’art pour l’art, sozusagen
sondern immer auf ein „Bild des Menschen“
in seiner Zeit und in seiner Gesellschaft,
inmitten seiner Bedingungen,
seiner Leiden, Ängste, Freuden und Passionen.
Ein durchaus auch humorvolles Bild,
das sich aber nie „lustig machte“.

Das Kapitel, oder den Aspekt dieser Conditio Humana,
den Pina dabei am weitläufigsten beleuchtet hat,
sind sicherlich die Beziehungen zwischen Männern und Frauen.
Sie hat eine regelrechte Anthologie
der Gesten und Verhaltensformen,
des „Spieles“ wie auch des „Krieges“
zwischen den Geschlechtern geschaffen.
Wenn Sie in Ihrer Erinnerung zurückgehen
und Pinas Blick auf sich ruhen lassen,
werden Sie sicherlich, wie auch ich,
mit einer großen Wehmut feststellen,
daß Sie ihn als selbstverständlich genommen haben,
eben als Pinas persönliche, liebevolle Art und Weise
zu „kucken“, wie sie das Schauen selbst gern nannte.
Was das für ein Blick war,
wie klarsichtig in seiner Verträumtheit,
wie er seziert hat
und trotzdem nicht „auseinandergenommen“,
wie er trösten wollte, und konnte,
auch wenn er die Worte für den Trost nicht hatte,
wie er verstand, ohne daß man sich ertappt fühlte,
das haben wir alle, die wir Pina kannten,
jede, jeder auf seine/ihre Weise,
für selbstverständlich genommen.
We took it for granted,
Aber wir werden solch einem Blick auf uns nicht mehr begegnen.
Das ist ein anderer Verlust als ein bloß persönlicher.
Das ist ein geradezu historischer Verlust.
Wobei ich hier gar keine Wertungen angeben will.
Größere Verluste als persönliche kann es gar nicht geben.
Pina hat mit dem Herzen gesehen, bis zur Verausgabung.
Sie hat mit ihrer Gabe nicht gehaushaltet.
Ihr Blick war dabei immer auch streng.
So liebevoll er war, so kritisch war er auch.
Aber eben behütend, nicht entlarvend.
Nie richtend, sondern auf-richtend.
„You gotta be cruel to be kind,“
heißt eine schöne Zeile in einem Lied von Elvis Costello.

Die größte aller Künste im Umgang mit Menschen
ist, denke ich, aus einem jedem das Beste hervorzuholen
und sichtbar zu machen.
Das war es, was Pina beherrscht hat.
Ihr Tänzer wißt das alles so viel besser als ich.
Ihr wart über Jahre, viele von Euch für Jahrzehnte,
das Orchester von Pinas Blick,
jeder von Euch ein kostbares einzigartiges Instrument.
Indem sie jeden von Euch mit liebevoller Strenge
dazu gebracht hat,
sein Bestes nicht mehr zu verbergen, sondern offenzulegen,
hat sie auch uns, ihre Zuschauer,
an ihrem Blick teilhaben lassen
und uns die Augen geöffnet
für uns selbst und die verborgene Sprache in uns.
Auch als Zuschauer hat sie aus mir, aus uns,
das Beste hervorgeholt.
Sie hat uns darüber hinaus Dinge sehen und verstehen lassen,
die keine andere Kunst uns vorher geöffnet hätte:
uns eine andere Befreiung von Angst gezeigt,
auch eine Befreiung von unserer Körperhaftigkeit,
(oder besser Körperverhaftetheit,
auf jeden Fall steckt da das Wort „Haft“ drin)
und überhaupt einen Begriff von „Freiheit“ vermittelt,
der uns, mir auch, völlig neu war,
und der uns mitten ins Herz getroffen hat.
Ihr Tänzer und Tänzerinnen betreibt ihren Blick weiter,
als die Komplizen und Seelenverwandten Pinas.
Ohne Euch als Instrumente hätten wir ihre Musik nicht gehört.
Wir sind Euch zu großem Dank verpflichtet,
daß Ihr diese jetzt weiterspielt,
mit den Instrumenten Eurer Körper.
„Weiterspielen“ heißt nicht bloß konservieren,
damit wäre es nicht getan.
Was Pina mit so viel Herzblut gesehen und geformt hat,
kann nicht als Auftragsarbeit oder Last weitergegeben werden,
sondern nur ebenso beseelt und begeistert.

Ihr wißt das, das muß Euch niemand sagen.
Ich hoffe, daß es auch alle die zu schätzen wissen,
die in Stadt und Land
die Arbeit und das Erbe, ja, das Welterbe,
des Wuppertaler Tanztheaters Pina Bausch
weiter fördern und mittragen wollen.
Ich will Sie letztendlich alle bitten,
diesen Schatz von Pinas Blick,
den Sie noch auf sich, den wir noch auf uns spüren,
und Pinas Sicht auf und in die Welt,
den wir in ihren Stücken nachvollziehen können...
daß Sie diesen Schatz
voller Freude und Dankbarkeit weiter in sich tragen,
ihn wert halten
und sich glücklich schätzen,
daß Sie Pina,
daß wir ihren Blick
gekannt haben,
haben kennen dürfen.

Wim Wenders, am 4.9.2009,
anläßlich der Trauerfeier für Pina Bausch im Opernhaus Wuppertal
 
 
(c) Wim Wenders, Berlin 2008 / 2009
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Tanztheater Wuppertal - Pina Bausch