Zum Tod von Silvia Kesselheim

Geboren am 21.7.1942 in Hamburg erhält sie ihre Tanzausbildung an der dortigen Opern-Ballettschule sowie an der Royal Ballet School in London. Ihr erstes Engagement führt sie 1960/61 für eine Spielzeit zurück nach Hamburg ans dortige Staatsopernballett. Danach engagiert sie John Cranko für fünf Jahre nach Stuttgart. Der Schöpfer des „Stuttgarter Ballettwunders“ schätzt die Ballerina, die über eine exzellente Technik verfügt, doch, anders als sie selbst, sieht er sie nicht in der Rolle des weißen Schwans in „Schwanensee“. Sie wechselt an die Deutsche Oper Berlin (1965-71), wo sie schon bald auffällt.  Klaus Geitel portraitiert die ambitionierte Tänzerin 1967 in der Chronik und Bilanz des Ballettjahres: „Silvia Kesselheim: Ballett-Campari, mehr bitter als süß. Eine hochprozentige Mischung. Flirrende Strenge, gestochene Akkuratesse. Ein gezüchteter Typ: Arbeit, gerichtet gegen die Liebenswürdigkeit. Bewunderung wird ins Visier genommen. Eine gefährliche Gegenspielerin für die Damen mit dem sanften Gemüt. Die Kesselheim tanzt ihnen den Rang ab. (…) Keine Niedlichkeit, kein Keep-smiling finden mehr Platz. Silvia Kesselheim beißt ein bißchen Vamp heraus und fährt gut damit. Etwas Ironie, etwas Parodie; schlanker Ingrimm bildet den Motor. Er arbeitet erstklassig.“ Mit diesem Profil scheint sie wie geschaffen für die Wuppertaler Tanztheater-Arbeit. Tatsächlich führt sie ihr Weg Jahre später zu Pina Bausch. Zunächst tanzt sie jedoch in Düsseldorf und Darmstadt (1972-75, danach als Gast), wo sie in Gerhard Bohners Reformprojekt in zahlreichen Rollenkreationen brilliert, u.a. in „Die Folterungen der Beatrice Cenci“ und „Lilith“. Marion Cito, mit der sie seit ihrer gemeinsamen Zeit an der Deutschen Oper befreundet ist, schlägt ihr vor, sich in Wuppertal vorzustellen. Pina Bausch sucht ausdrucksstarke, unverwechselbare Charaktere. Von Anfang an zählt Silvia Kesselheim zu den markanten Protagonisten des Tanztheaters. Ihre Auftritte in „Kontakthof“ (1978) und „Arien“ (1979) prägen sich ein. Mit ihren rot gefärbten Haaren, einem kleinen gemalten Kussmund sieht sie fast aus wie eine Figur von George Grosz. Niedlich, harmlos gar ist diese gestandene Ballerina nicht. Ihre Präsenz konfrontiert, ihre Stimme kann, etwa beim rezitieren von Kinderversen, einen schneidend scharfen Ton annehmen. Gleichzeitig kann sie durchaus ironisch säuseln und gurren. Die Kesselheim ist vielseitig und bleibt doch in jedem Moment sie selbst. In den 1980er Jahren wirkt sie an der Entstehung von „Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört“ und „Viktor“ mit. Immer wieder besetzt sie Pina Bausch für Wiederaufnahmen. Die Rollenübernahme der Anna I im Brecht/Weill-Abend „Die sieben Todsünden“ wird ein Triumph, denn Silvia Kesselheim kann ebenso gut singen wie spielen. In New York wird sie als neue Lotte Lenya gefeiert. Auch Pina Bausch sieht in ihr das Potential zum Star. Doch heimisch werden mag die wählerische Tänzerin beim Tanztheater nicht. Es ist – wie schon bei Cranko – als wolle sie nicht sein, wo sie gerade ist. Als suchte sie stets nach anderen Zielen. Silvia Kesselheim stirbt, nur wenige Monate vor Pina Bausch, am 28.4.2009 in Hamburg. Die Tanzwelt erfährt von ihrem Tod nichts. In Erinnerung bleibt sie als Tänzerin und Darstellerin von Format: präzise und streng – auch gegen sich selbst.
NORBERT SERVOS

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Tanztheater Wuppertal - Pina Bausch